Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen - Interview und Checkliste
Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen ist nicht nur Pflicht, sondern bietet konkrete Chancen zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Besonders durch ....
Interview mit Bernd Wittmann, Experte für Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen
„Von der Pflicht zur echten Verbesserung“
5 Maßnahmen, die aus einer guten Gefährdungsbeurteilung entstehen können
Haße: Viele Unternehmen sehen die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen eher als Pflicht. Wird ihr Potenzial unterschätzt?
Wittmann: Definitiv. In der Praxis erleben wir oft, dass Unternehmen die Gefährdungsbeurteilung zunächst nur durchführen, um gesetzlichen Anforderungen zu entsprechen. Dabei steckt darin enormes Potenzial. Sie liefert sehr konkrete Hinweise darauf, wo im Arbeitsalltag Belastungen entstehen, die die psychische Gesundheit der Beschäftigten gefährden – und vor allem, was man dagegen tun kann.
Haße: Welche Maßnahmen ergeben sich denn typischerweise aus einer guten Gefährdungsbeurteilung?
Wittmann: Es gibt einige Handlungsfelder, die immer wieder auftauchen. Besonders häufig sehen wir Maßnahmen rund um Führung, Arbeitsorganisation, Kommunikation und Unterstützungsangebote. Wichtig ist: Die Maßnahmen sollten realistisch und mit den vorhandenen Ressourcen umsetzbar sein.
Haße: Welche Rolle spielen Führungskräfte in diesem Kontext?
Wittmann: Eine sehr große. Führung beeinflusst die psychische Belastung direkt – positiv wie negativ. In vielen Gefährdungsbeurteilungen zeigt sich, dass Mitarbeitende sich mehr Orientierung, Feedback oder Unterstützung wünschen.
Haße: Was sind typische Maßnahmen?
Wittmann: Klassisch sind Trainings zu gesunder Führung oder Gesprächsführung. Führungskräfte lernen dabei, Belastungen zu erkennen, schwierige Gespräche zu führen und ihr eigenes Verhalten zu reflektieren.
Haße: Was zeigt sich im Bereich Arbeitsorganisation?
Wittmann: Hier geht es oft um Klarheit und Struktur. Unklare Zuständigkeiten, ständige Unterbrechungen oder unrealistische Anforderungen sind häufige Stressfaktoren.
Haße: Was können Unternehmen konkret tun?
Wittmann: Zum Beispiel Aufgaben klarer definieren, Prioritäten transparenter machen oder Regeln für Erreichbarkeit und Störungen einführen. Das klingt simpel, hat aber oft eine große Wirkung.
Haße: Konflikte sind ja ein sensibles Thema. Wie tauchen sie in der Gefährdungsbeurteilung auf?
Wittmann: Oft indirekt – etwa durch Aussagen zu schlechtem Teamklima oder mangelnder Kommunikation. Wenn man genauer hinschaut, stecken häufig ungelöste Konflikte dahinter.
Haße: Welche Maßnahmen helfen hier?
Wittmann: Zum Beispiel Schulungen zur Konfliktlösung, klare Eskalationswege oder moderierte Teamgespräche. Wichtig ist, dass Konflikte nicht tabuisiert werden.
Haße: Viele Belastungen entstehen ja auch außerhalb der Arbeit. Wie gehen Unternehmen damit um?
Wittmann: Genau hier setzen Unterstützungsangebote wie ein Employee Assistance Program (EAP) an. Sie bieten Mitarbeitenden die Möglichkeit, sich anonym beraten zu lassen – egal ob es um berufliche oder private Themen geht.
Haße: Was ist der Vorteil für Unternehmen?
Wittmann: Probleme werden frühzeitig aufgefangen, bevor sie sich verschärfen. Gleichzeitig entlastet das HR und Führungskräfte, weil sie nicht alles selbst auffangen müssen.
Haße: Wie wichtig ist die Unternehmenskultur?
Wittmann: Extrem wichtig. Wenn Mitarbeitende sich nicht trauen, Belastungen anzusprechen, helfen auch die besten Maßnahmen wenig.
Haße: Was können Unternehmen tun?
Wittmann: Offene Kommunikation fördern, Feedbackformate etablieren und mentale Gesundheit sichtbar thematisieren. Das schafft Vertrauen und senkt Hemmschwellen.
Mögliche Maßnahmen sind:
- offene Kommunikationsformate
- regelmäßige Feedbackprozesse
- Sensibilisierung für mentale Gesundheit im Unternehmen
Eine vertrauensvolle Kultur fördert Offenheit, Innovation und langfristige Gesundheit.
Fazit: Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen ist nicht nur Pflicht, sondern bietet konkrete Chancen zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Besonders durch bessere Führung, klare Strukturen, offene Kommunikation und Unterstützungsangebote können Belastungen reduziert und die Gesundheit sowie Zufriedenheit der Mitarbeitenden nachhaltig gestärkt werden.